„Ich spüre die Verantwortung für Millionen Landwirt*innen“

Eine neue Stimme für Landwirt*innen weltweit: Nach seiner Wahl zum Präsidenten der World Farmers’ Organisation spricht Mwendah M’Mailutha über seine Vision für die Zukunft der globalen Landwirtschaft. Von der Stärkung der Stimme der Landwirt*innen auf internationaler Ebene bis hin zur Ernährungssicherung weltweit – welche Prioritäten werden seine Amtszeit prägen?

© GIZ / Ramana Dumpala

Von Jan Rübel

Jan Rübel ist Autor bei Zeitenspiegel Reportagen, Kolumnist bei Yahoo und Reporter für überregionale Zeitungen und Zeitschriften. Er studierte Islamwissenschaft und Nahostgeschichte.

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Von Daniel Mwendah M’Mailutha

Daniel M’Mailutha ist ein kenianischer Landwirt aus Meru mit mehr als zwei Jahrzehnten Erfahrung in der Stärkung und Interessenvertretung von Landwirtinnen und Landwirten. Seit November 2018 ist er Geschäftsführer der Kenya National Farmers’ Federation (KENAFF) und setzt sich dafür ein, die Stimme und Repräsentation der Landwirtinnen und Landwirte in Kenia und ganz Afrika zu stärken. Im Juni 2026 wählte die Generalversammlung der World Farmers’ Organisation (WFO) in Nairobi M’Mailutha zum Präsidenten der WFO für die Amtszeit 2026 bis 2028.

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Sie wurden kürzlich zum Präsidenten der World Farmers’ Organisation gewählt. Wie fühlt sich das an?

Es fühlt sich gut an. Gleichzeitig spürt man aber auch die Verantwortung, die damit einhergeht: Hunderte Millionen Landwirt*innen auf der ganzen Welt blicken auf mich und erwarten, dass ich mein Versprechen einlöse, die WFO zu stärken und die gemeinsamen Interessen zwischen Landwirt*innen aller Kontinente zu vertreten. Ich selbst bin gemeinsam mit meiner Frau Milchbauer. Wir sind in die Landwirtschaft eingestiegen, um Gewinne zu erwirtschaften. Wir investieren und es ist kein Hobby. Wir betreiben Landwirtschaft, um Geld zu verdienen und das Besondere daran ist, dass wir nicht nur Geld verdienen, sondern auch die Welt ernähren. Sie und ich wären nicht hier, wenn es die Lebensmittel nicht gäbe, die wir jeden Tag essen. Dennoch erhalten viele Themen im Zusammenhang mit dem Wohlergehen und dem Einkommen von Landwirt*innen in der Politikgestaltung und bei der Verteilung von Ressourcen nicht den Stellenwert, den sie eigentlich haben sollten – obwohl ohne Lebensmittel niemand existieren könnte. Deshalb habe ich deutlich gemacht, dass wir gewinnorientiert arbeiten und auch genau deshalb in der Landwirtschaft tätig sind. Wir Landwirtinnen und Landwirte dieser Welt leisten einen entscheidenden Beitrag.

 

Weil Menschen Nahrung brauchen …

Landwirt*innen erfüllen drei zentrale Aufgaben. Sie liefern Lebensmittel, die die Grundlage menschlicher Existenz bilden. Zweitens tragen sie zu Frieden, Sicherheit und Demokratie bei. Denn ohne Nahrung gäbe es keine funktionierende Gesellschaft. Wenn es in irgendeinem Land, in irgendeiner Gesellschaft auf der Welt keine Lebensmittel gäbe, würden gesellschaftliche Normen zerbrechen. Es würde Chaos entstehen. Drittens kümmern sie sich um die Natur, um das Naturkapital, um Böden, Wasser und die Umwelt. Das sind grundlegende Aufgaben, die Landwirt*innen übernehmen. Es ist wichtig, dass wir stolz darauf sind, diese entscheidenden Rollen zu erfüllen. Dieser Stolz hilft uns, gemeinsame Ziele zu finden und mit unseren Regierungen auf nationaler und regionaler Ebene darüber zu sprechen, wie wir die Zukunft der Menschheit auf diesem Planeten sichern können.

 

Empfinden Sie einen Mangel an Respekt?

Ja, das tue ich. Und in den meisten Fällen ist das keine einseitige Angelegenheit. Es liegt auch daran, dass Landwirt*innen nicht so geschlossen auftreten, wie sie es sollten. Es gibt viele Spaltungen. Diese Zersplitterung trägt ebenfalls dazu bei, dass Landwirt*innen nicht die Anerkennung erhalten, die ihnen zusteht.

 

Es geht nicht nur um Regierungen oder Institutionen, sondern auch darum, dass sich Landwirtinnen und Landwirte selbst organisieren. So wird ihre Stimme stärker.

 

Wenn Ihnen vor etwa 20 Jahren jemand gesagt hätte, dass Sie eines Tages Präsident der World Farmers’ Organisation werden würden, was hätten Sie geantwortet?

Vor 20 Jahren hatte ich bereits den Wunsch in mir, mit Landwirt*innen zu arbeiten, denn der Grundstein dafür wurde gelegt, als ich noch sehr jung war. Ich bin auf der Kaffeefarm meiner Eltern in Meru in Kenia aufgewachsen. Als ich in der Highschool war, gingen drei meiner Geschwister ebenfalls zur Schule. Die kenianische Wirtschaft war damals deutlich schwächer als heute. Weil die Kaffeepreise eingebrochen waren, mussten wir die Schule beinahe abbrechen. Die Genossenschaft, bei der meine Eltern ihren Kaffee ablieferten, verlangte Verwaltungsgebühren, die einen Großteil der Einnahmen aus dem gelieferten Kaffee aufzehrten. Daher konnten meine Eltern die Schulkosten nicht mehr bezahlen. Doch dann beschlossen die Mitglieder der Kaffeegenossenschaft gemeinsam: Unsere Kinder werden die Schule nicht abbrechen. Die Genossenschaft muss – mit welchen Mitteln auch immer – das Geld zur Deckung der Schulkosten finden. Und genau das geschah. Ich konnte die Highschool abschließen und anschließend studieren. Damals wurde in mir der Gedanke verankert, dass vieles möglich wird, wenn Landwirt*innen zusammenhalten. Vor 20 Jahren hätte ich mir vielleicht vorstellen können, Landwirt*innen in Kenia zu organisieren – aber weltweit?

 

Sind Sie mit einer bestimmten Vision an dieses Amt herangegangen?

Ich glaube, dass die WFO die globale Stimme der Landwirtschaft sein sollte. Meine Vision ist es, dieses gemeinsame Band zu finden, das alle Landwirt*innen auf der ganzen Welt verbindet. Wir alle betreiben Landwirtschaft als Geschäft: Egal, ob Sie eine Kleinbäuerin und ein Kleinbauer sind oder großflächige Landwirtschaft in Europa oder Nordamerika betreiben – sie möchten eine Rendite auf Ihre Investition erzielen. Darauf können wir uns einigen. Dies wird die Grundlage dafür sein, unsere Stimme zu stärken – ganz gleich, ob Sie in Europa, Asien, Afrika, Nordamerika, Lateinamerika oder Ozeanien tätig sind.

 

Und was sind Ihre größten Herausforderungen?

Es gibt sicherlich viele Herausforderungen. Eine davon hängt mit der Zeit zusammen, in der wir leben. Wie ich bereits sagte: geopolitische Spannungen, die globale politische Ökonomie, Inflation und die Energiekrise, die wir derzeit erleben. Von den meisten dieser Herausforderungen sind Landwirt*innen besonders stark betroffen. Wenn wir über Energie sprechen, kenne ich viele Landwirt*innen, die nicht mehr so viel Fläche bewirtschaften wie gewöhnlich, weil Diesel plötzlich sehr teuer geworden ist.

 

Wenn man die WTO betrachtet, erkennt man, dass die Agrarverhandlungen seit vielen Jahren festgefahren sind und es beim Agrarhandel ein ständiges Ringen zwischen Ländern und Regionen gibt. Viele dieser Belastungen treffen die Landwirt*innen besonders hart. Da sie am Anfang der Wertschöpfungskette stehen, bekommen sie den gesamten Druck zu spüren. Genau aus diesem Grund brauchen wir ein weltweit verbindliches Abkommen für sichere, hochwertige und nahrhafte Lebensmittel, die von Landwirt*innen als öffentliches Gut produziert werden und deren Produktion sowie Investitionen auf allen Ebenen unterstützt werden.

 

Gibt es auch Herausforderungen innerhalb der WFO?

Die WTO ist eine globale Organisation und umfasst unterschiedliche Interessengruppen. Landwirt*innen befinden sich auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Vielleicht gibt es das Gefühl, dass wir uns auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen befinden. Aber wir alle verfolgen dasselbe Ziel: unsere Familien zu unterstützen und ein Einkommen zu erzielen. Die Situation in Europa unterscheidet sich von der in Afrika. Deshalb ist Führung auf allen Ebenen wichtig – nicht nur auf globaler Ebene, sondern auch innerhalb der einzelnen Gruppen. Wir brauchen nationale Führungspersönlichkeiten, an die Landwirt*innen glauben; Führungskräfte mit Legitimität, die von den Landwirt*innen selbst gewählt wurden.

 

Haben Sie noch Zeit für die Landwirtschaft?

Ja, das habe ich. Wir bewirtschaften den Hof nicht mehr aktiv selbst. Wir haben einen Betriebsleiter und drei Mitarbeitende, die sich in unserem Auftrag um den Betrieb kümmern. Meine Frau und ich besuchen die Farm jedoch jedes Wochenende.

 

Was wäre Ihre kurze Antwort auf die Frage, warum man Landwirt*in werden sollte?

Landwirtschaft ist ein Beruf und dieser sollte niemandem aufgezwungen werden. Die Entscheidung sollte selbst getroffen werden, denn ohne Eigenmotivation ist es nicht einfach. Es erfordert viel Einsatz und Hingabe. Ich spreche oft mit jungen Menschen und einige von ihnen haben sogar Naturwissenschaften, Landwirtschaft, Umweltwissenschaften oder Tierhaltung studiert. Dann stellen sie fest, dass es sich finanziell nicht lohnt. Genau diese Dinge müssen wir angehen – insbesondere im Hinblick auf junge Menschen, denn das Durchschnittsalter der Landwirt*innen in Kenia liegt beispielsweise bei 63 Jahren.

 

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