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Risikominderung ist sein Beruf. Als Leiter des Bereichs Disaster Risk Management bei der Intergovernmental Authority on Development (IGAD) arbeitet Dr. Ahmed Amdihun an der Schnittstelle von Klimaanpassung, Frühwarnsystemen und humanitärer Vorsorge im Großraum Horn von Afrika. Im Interview erklärt er, was nötig ist, um die Resilienz einer der fragilsten Regionen der Welt zu stärken.
Warum ist Ernährungssicherheit ein entscheidender Faktor für Sicherheit?
Dr. Ahmed Amdihun: Ich halte die Themen Ernährungssicherheit und -souveränität für zentral. Gelingt es einer Gesellschaft oder einem Staat nicht, diese zu gewährleisten, steigt das Risiko von Konflikten und humanitären Krisen. Umgekehrt gilt dies jedoch noch stärker:
Wo Konflikte herrschen und Instabilität zunimmt, wird die Ernährungssicherheit selbst zum Opfer.
Sobald ein Land in einen bewaffneten Konflikt gerät, verschlechtert sich die Ernährungslage in den meisten Fällen nahezu sofort. Das liegt nicht nur daran, dass Lebensmittel knapper werden. Konflikte erschweren den Zugang der Menschen zu Nahrungsmitteln, Märkte brechen zusammen, Lieferketten werden unterbrochen, Erwerbsgrundlagen gehen verloren, und humanitäre Hilfe erreicht die Bedürftigsten oft nicht mehr.
Schauen wir auf den Sudan. Was war zuerst da: Ernährungsunsicherheit oder die politischen Konflikte?
Man kann beide Zusammenhänge anführen. Ausschlaggebend war jedoch aus meiner Sicht der Ausbruch des Konflikts im April 2023. Seitdem sind die landwirtschaftliche Produktion, die Märkte und der Zugang für humanitäre Hilfe massiv beeinträchtigt worden, Millionen Menschen mussten fliehen. Vertreibung ist eine unmittelbare Folge des Krieges. Für die Betroffenen wird schon die tägliche Mahlzeit zur Herausforderung. In einer solchen Situation sind Verfügbarkeit und Zugang zu Lebensmitteln massiv eingeschränkt, die Ernährungslage verschlechtert sich häufig innerhalb kurzer Zeit bis hin zu extremer oder sogar katastrophaler Ernährungsunsicherheit.
Warum haben sich Ernährungsunsicherheit und Hunger so schnell und in einem so großen Ausmaß ausgebreitet?
Der Konflikt begann in der Hauptstadt Khartum und breitete sich rasch auf andere Landesteile aus. Die Gewalt geriet außer Kontrolle, Tausende flohen aus der Stadt. Nach aktuellen Schätzungen wurden inzwischen mehr als 13 Millionen Menschen vertrieben, möglicherweise sogar noch mehr. Nach Angaben des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (UNOCHA) sind infolge des Konflikts inzwischen mehr als 30 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen oder von Ernährungsunsicherheit betroffen. Das verdeutlicht das enorme Ausmaß der Zerstörung, das der Krieg im Sudan verursacht hat.
Gleichzeitig werden auf verschiedenen Ebenen weiterhin Bemühungen um eine Friedenslösung unternommen. Die Zwischenstaatliche Entwicklungsbehörde IGAD und die Afrikanische Union unterstützen einen afrikanisch geführten und von den Sudanesen getragenen politischen Prozess. Parallel dazu engagieren sich die Vereinten Nationen, die Liga der Arabischen Staaten, der Dschidda-Prozess sowie die sogenannte Quad-Gruppe aus den Vereinigten Staaten, Saudi-Arabien, Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Was würde passieren, wenn der Konflikt morgen enden würde?
Dann könnten die Menschen wieder Wege finden, Nahrungsmittel zu produzieren. Die gesamte Wertschöpfungskette der Ernährung, vom Produzenten bis zum Endverbraucher oder zur Endverbraucherin, könnte wiederhergestellt werden. Auch wenn dies Zeit braucht, ist die Beendigung des Krieges derzeit die wichtigste Voraussetzung für Ernährungssicherheit. Deshalb fordern wir alle Partner auf, ihre Anstrengungen auf Vermittlungsbemühungen zur Lösung des Konflikts zu konzentrieren. Dies würde den Weg dafür ebnen, dass Vertriebene in ihre Heimat zurückkehren, ihre Lebensgrundlagen einschließlich der Landwirtschaft wieder aufbauen und leichter Zugang zu Nahrungsmitteln aus Nachbarländern sowie aus anderen verfügbaren Quellen erhalten. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass es im Sudan nicht nur an Nahrungsmitteln mangelt, sondern dass vor allem der Zugang zu ihnen ein entscheidendes Problem darstellt. Die humanitäre Lage verschärft sich beispielsweise aufgrund der eingeschränkten Zugangsmöglichkeiten dramatisch.
Konflikte zerstören nicht nur Leben, sie unterbrechen auch Ernährungssysteme. Wo Konflikte andauern, folgt zwangsläufig Ernährungsunsicherheit.
Welche Rolle spielte IGAD bei den Verhandlungen?
IGAD hat weiterhin eng mit der Kommission der Afrikanischen Union und allen wichtigen Partnern zusammengearbeitet, die sich für Frieden im Sudan einsetzen. Bis heute war IGAD an zahlreichen bedeutenden Gesprächen beteiligt, insbesondere mit dem Ziel, einen dauerhaften Frieden zu erreichen.
Damit ist IGAD also zu einer Art Friedensvermittler geworden?
IGAD hat diese Rolle auch bei anderen Konflikten in der Region übernommen. Die Organisation steht stets bereit, um Frieden zu vermitteln. Betrachtet man die Struktur von IGAD, gibt es gemäß der neuen Strategie drei zentrale Säulen. Die erste Säule ist Stabilität. Die zweite Säule ist regionale Integration. Wir wollen Grenzen öffnen und die Zusammenarbeit zwischen den Ländern stärken, um eine engere regionale Integration zu fördern. Die dritte Säule ist Resilienz. Wir arbeiten an Klimaanpassung, Frühwarnsystemen und gemeinsam mit dem IGAD Climate Prediction and Applications Centre (ICPAC) in Nairobi.
Funktionieren diese drei Säulen weiterhin im Zusammenhang mit dem Sudan?
IGAD hält an seinem Engagement fest, die Friedensbemühungen im Sudan zu unterstützen, und wird auch weiterhin an der Seite der sudanesischen Bevölkerung in dieser schwierigen Zeit stehen. Im Bereich Resilienz unterstützt IGAD über sein Climate Prediction and Applications Centre (ICPAC) seit nahezu zwei Jahren sudanesische Fachkräfte in Nairobi, da Khartum weiterhin nicht zugänglich ist. Diese Unterstützung bietet Mitarbeitenden der sudanesischen Wetterbehörde, des National Council for Civil Defence (NCCD) und anderer wichtiger staatlicher Institutionen eine vorübergehende operative Basis. Dadurch können sie trotz der anhaltenden Krise weiterhin wichtige technische Dienstleistungen erbringen. Diese Initiative zeigt die Solidarität von IGAD mit dem Sudan und das Engagement der Organisation, zentrale nationale Kapazitäten zu erhalten sowie Widerstandsfähigkeit und Vorsorge in einer Zeit beispielloser Herausforderungen zu stärken.
Und was haben Sie darüber hinaus getan, um die sudanesische Gesellschaft zu unterstützen?
Im Sudan arbeiten wir eng mit den technischen Fachabteilungen zusammen, beispielsweise mit Save the Children. Wir arbeiten derzeit an der Einführung einer mobilen Anwendung, die Warnmeldungen versendet, insbesondere um Menschen vor Gefahren zu schützen, sei es bei Überschwemmungen oder bei Sicherheitsrisiken. Ich denke, dass diese Anwendung bald veröffentlicht wird. Noch vor einem Monat waren wir gemeinsam mit sudanesischen Partnern in Kenia. IGAD und ICPAC wollen sicherstellen, dass die hydrometeorologischen Dienste und die Funktionen des Katastrophenrisikomanagements weiterhin aufrechterhalten werden und auch während der aktuellen Krise funktionieren. Wir arbeiten mit der sudanesischen Wetterbehörde und anderen Akteuren daran, eine nationale Strategie für vorausschauendes Handeln zu entwickeln. Diese Strukturen müssen trotz der Konfliktsituation weiter funktionieren.
Es handelt sich um ein doppeltes Engagement: Auf der einen Seite stehen die Friedensverhandlungen, auf der anderen Seite die technische Arbeit, mit der wir versuchen, den regulären Betrieb in einer derart schwierigen und fragilen Situation aufrechtzuerhalten.
Und tragen diese sogenannten normalen technischen Abläufe dazu bei, Frieden zu erreichen?
Vielleicht indirekt. Wenn sich ein Land im Krieg befindet, werden Institutionen geschwächt. Genau das versuchen wir zu verhindern. Während wir den Friedensprozess unterstützen, helfen wir gleichzeitig den technischen Institutionen dabei, ihre Arbeit fortzusetzen und funktionsfähig zu bleiben. Es gibt also eine Wechselwirkung, bei der das eine das andere unterstützt.
Sie sind ein Experte für Katastrophenmanagement. Warum haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?
Ursprünglich war ich Assistenzprofessor an der Universität Addis Abeba. Ich entschied mich für den Wechsel zu IGAD, um dort die Datensysteme, die Überwachung von Gefahren sowie Frühwarnsysteme weiterzuentwickeln. Als ich dort anfing, wurde mein Interesse an dieser Arbeit immer größer und ich setzte meine Unterstützung für die Region fort. Heute gehört unser Klimazentrum in Nairobi zu den führenden Einrichtungen dieser Art in Afrika. Es überwacht die Region hinsichtlich Dürren und Überschwemmungen und gibt Frühwarnungen an die Mitgliedstaaten heraus.
Sehen Sie Hoffnung für den Sudan?
Natürlich tun wir das. Am Ende jedes Krieges steht eine Diskussion, nicht der Einsatz von Waffen. Es muss einen Dialog geben. Wir hoffen sehr und appellieren an die Konfliktparteien, so schnell wie möglich an den Verhandlungstisch zurückzukehren, denn die Menschen leiden. Viele befinden sich in einer äußerst schwierigen Situation der Vertreibung. Die Ernährungssicherheit, der Zugang zu Nahrungsmitteln und die humanitäre Lage sind weiterhin die größten Herausforderungen. Angesichts all dessen müssen die Konfliktparteien meiner Ansicht nach zusammenkommen. Sie sollten über Frieden und die Zukunft des Sudan verhandeln. Wir sind sehr zuversichtlich, dass sie dies tun werden, eher früher als später.
Hinweis: Das Interview mit Dr. Ahmed Amdihun wurde in seiner persönlichen Eigenschaft geführt. Die darin geäußerten Ansichten geben nicht notwendigerweise die offizielle Position von IGAD oder ICPAC wieder.