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Klimawandel, schwindende Weideflächen und fehlende Investitionen setzen Hirtenvölker in Kenia zunehmend unter Druck. Jacinta Sajila Pamita, selbst Maasai und Programmmanagerin für resiliente Lebensgrundlagen und gesunde Ökosysteme bei IMPACT Kenya, fordert mehr Mitsprache für indigene Gemeinschaften, Investitionen in lokale Lösungen und eine stärkere Anerkennung ihres traditionellen Wissens. Denn nachhaltige Entwicklung, sagt sie, beginnt dort, wo die Menschen vor Ort selbst mitentscheiden.
Welche Rolle nehmen indigene Gemeinschaften und Frauen bei der Politikgestaltung ein?
Jacinta Sajila Pamita: Indigene Gemeinschaften sind die Hüter*innen der biologischen Vielfalt in der Welt. Nehmen wir zum Beispiel den Amazonas-Regenwald in Brasilien. Es sind die indigenen Völker, die ihn bis heute geschützt und erhalten haben. Wenn wir nach Kenia schauen, wurde ein Trockenwald wie der Mukogodo Forest über viele Jahre von der indigenen Gemeinschaft der Yaaku geschützt, lange bevor Naturschutz zu einem formellen Bereich wurde. Ich sehe diese Dynamik auch in meiner eigenen Arbeit. Wenn Frauen in den Bezirken Mukogodo East und West in Laikipia Raum für Entscheidungen in der Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen erhalten – also nicht nur konsultiert werden, sondern tatsächlich Aufgaben in Weidekomitees oder bei der Planung der Ressourcennutzung übernehmen – sind die Ergebnisse nachhaltiger. Denn diejenigen, die mit den Risiken umgehen müssen, sind auch diejenigen, die die Regeln festlegen. Das ist die grundlegende Logik einer gemeinschaftsbasierten Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen: Die Menschen, die dem Land am nächsten sind, können häufig bessere langfristige Entscheidungen darüber treffen als diejenigen, die von außen planen. Wenn es also um Entscheidungen geht, die indigene Völker, die biologische Vielfalt und das Klima betreffen, müssen indigene Gemeinschaften, einschließlich Frauen und Jugendlichen, im Mittelpunkt stehen.
Werden Frauen und indigene Menschen in internationalen Foren ausreichend ernst genommen?
Auf den verschiedenen internationalen Plattformen und Konferenzen, an denen ich teilgenommen habe, sehe ich, dass indigene Völker inzwischen mehr Anerkennung bekommen und ernster genommen werden. Es gibt mittlerweile verschiedene Plattformen, auf denen sie ihre Arbeit und ihre Erfahrungen teilen können. Die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (zu eng. United Nations Framework Convention on Climate Change, UNFCCC) beinhaltet beispielswiese die Local Communities and Indigenous Peoples Platform (LCIPP). Dennoch fordern wir mehr Anerkennung, insbesondere für traditionelles Wissen. Die Gemeinschaften haben ihre eigenen Lösungen und es besteht ein Bedarf, stärker in gemeinschaftsgetragene Lösungen zu investieren.
Und was können indigene Gemeinschaften zur Lösung beitragen?
Wenn eine lokal geleitete Initiative mit größerer Wahrscheinlichkeit nachhaltig ist als etwas, das von außen auferlegt wurde, sollte sie bevorzugt werden. Je stärker eine Initiative innerhalb der Gemeinschaft entwickelt wird, desto größer ist die Bereitschaft der Menschen, sie auch in die Praxis umzusetzen.
Nachhaltigkeit entsteht durch Eigenverantwortung.
Sie arbeiten viel mit Weideland. Wird die Bedeutung von Weideland unterschätzt?
Weideland ist die Grundlage für das gesamte Ernährungssystem, von dem die Pastoralist*innen abhängig sind. Trotzdem gibt es dafür nicht genug Investitionen. In den Gebieten, in denen ich arbeite, zum Beispiel in Mukogodo East und West, Oldonyiro, Wamba West und Waso im Norden Kenias, sieht man stark geschädigtes Land mit invasiven Pflanzen und kahlen Flächen. Das liegt auch daran, dass es zu wenig Unterstützung für die lokale Verwaltung und die Wiederherstellung dieser Gebiete gibt. Die Wiederbegrünung ist nicht nur eine ökologische Maßnahme, sondern auch wichtig für die Lebensgrundlage der Menschen. Wenn die Produktivität des Weidelands wieder steigt, verbessert sich der Zugang zu Wasser, die Herden können sich besser bewegen und die Einkommen der Haushalte werden stabiler.
Wie sollten diese Investitionen aussehen?
Investitionen müssen die Wiederherstellung der Natur mit einer guten lokalen Verwaltung verbinden. Das bedeutet, dass Gemeinschaften dabei unterstützt werden, eigene Weidepläne zu entwickeln und umzusetzen. Es braucht auch Geld für die Bekämpfung invasiver Pflanzen wie Opuntia oder Prosopis und für die Wiederbegrünung geschädigter Flächen mit einheimischen Gräsern. Außerdem müssen Wasserstellen gesichert werden, die von den Gemeinschaften selbst verwaltet werden und nicht von außen kontrolliert werden.
Gleichzeitig braucht es Schulungen und den Aufbau von Wissen und Fähigkeiten. Menschen aus den Gemeinschaften sollten zu Fachleuten für die Wiederherstellung des Weidelands ausgebildet werden. Auch lokale Komitees für die Landverwaltung müssen gestärkt werden. So können die Gemeinschaften das System selbst verwalten und es auch nach dem Ende eines Projekts weiterführen.
Und warum wurden Weidegebiete so lange ignoriert und vernachlässigt?
Das geht auf die Kolonialzeit zurück. Seitdem wurde der Norden Kenias immer wieder benachteiligt und bei der Entwicklung vom Staat vernachlässigt. Im Norden gibt es zum Beispiel nur wenige Schulen. Pastoralist*innen bevorzugen deshalb oft mobile Schulen, die sich an ihre Lebensweise anpassen können. Auch der Zugang zu Krankenhäusern ist schwierig, weil die Entfernungen sehr groß sind. Selbst mobile Tierarztteams erreichen die Gemeinden nur schwer. In der Vergangenheit wurden diese Gebiete strukturell vernachlässigt, weil sie als ungenutztes und unproduktives Land angesehen wurden.
Sie haben bereits erwähnt, dass es für diese Herausforderungen lokale Lösungen gibt. Welche Lösungen sind das?
Pastoralist*innen verfügen über ein tiefes Wissen über ihre Umwelt. Sie beobachten zum Beispiel die Sterne, verfolgen die Wanderungen von Vögeln und achten darauf, wann Akazien und andere Pflanzen blühen. All diese Beobachtungen geben Hinweise auf Veränderungen der Jahreszeiten. Sie helfen den Gemeinschaften auch dabei zu entscheiden, wann es notwendig ist, mit ihren Herden in andere Gebiete zu ziehen. Wenn dieses Wissen in formelle Strukturen einfließt, wird es noch wirkungsvoller. Dazu gehören zum Beispiel von den Gemeinschaften selbst entwickelte Weidepläne oder Vereinbarungen über die gemeinsame Nutzung von Ressourcen zwischen benachbarten Gemeinschaften oder Bezirken. Aus diesem Wissen wird nicht nur eine gemeinsame Praxis, sondern auch ein verbindlicher Rahmen, den alle Beteiligten anerkennen und einhalten.
Wie kam es dazu, dass Sie sich für diese Menschen einsetzen?
Ich bin selbst Pastoralistin. Ich bin Maasai aus Laikipia. Bei den Themen, über die ich spreche, geht es um die Erfahrungen von Pastoralist*innen selbst. Ich erzähle ihre Geschichten der Welt, um zu zeigen, dass es echte Menschen vor Ort gibt, die diese Arbeit tatsächlich leisten. Es braucht einfach mehr Menschen, die an sie glauben und in sie investieren. In meiner täglichen Arbeit schaffe ich Räume, in denen Gemeinschaften, insbesondere Frauen, ihre eigenen Prioritäten formulieren können, anstatt dass andere diese Prioritäten für sie festlegen.
Wie können verschiedene Akteure in Zukunft besser zusammenarbeiten?
Niemand kann diese Herausforderungen allein bewältigen. Wir sind aufeinander angewiesen und brauchen mehr Partnerschaften, um unsere Arbeit besser zu verbinden und uns gegenseitig zu stärken. Auch Daten sind dabei von großer Bedeutung. Verlässliche Daten aus den Gemeinschaften vor Ort können dazu beitragen, Finanzierungen von verschiedenen Organisationen zu erhalten. Mit solchen Daten arbeite ich auch direkt. Ohne konkrete Informationen über den Zustand des Weidelands, die Bewegungen der Herden oder die Lebensbedingungen der Menschen ist es sehr schwierig, Geber oder die Regierung davon zu überzeugen, langfristig in diese Gebiete zu investieren.
Gute Daten können eine wichtige Brücke zwischen dem Wissen der Gemeinschaften vor Ort und den Entscheidungen über Investitionen und Finanzierungen bilden.
Würden Sie sagen, dass Entwicklungspläne oft unvollständig sind, weil nicht alle Beteiligten einbezogen werden?
Ich würde eher sagen, dass es um eine bessere Koordination zwischen den verschiedenen beteiligten Akteuren geht. Jede*r hat seine oder ihre eigene Expertise. Wir müssen dieses Wissen besser nutzen. Wir müssen stärker in Form von Partnerschaften und Zusammenschlüssen denken.
Sie haben gesagt, dass Sie selbst erlebt haben, was Hirtenvölker durchmachen. Was gefährdet das Leben der Pastoralist*innen?
Im vergangenen Jahr gab es nicht so viel Dürre. In den Jahren davor, zwischen 2021 und 2023, hatten wir jedoch sehr schwere und extreme Dürren. Es gab große Verluste bei den Nutztieren. Viele Tiere starben und die Menschen mussten ihre Dörfer verlassen. Sie zogen in die Berge, um dort Futter für ihre Tiere zu finden. In den Bergen starben wiederum viele Kühe. Daher braucht es mehr Investitionen in Maßnahmen, die die Resilienz der Pastoralist*innen stärken. Diese Anpassung findet bereits statt. Einige Menschen halten heute mehr Ziegen und Kamele als früher, da diese besser an die veränderten Bedingungen angepasst sind. Gleichzeitig braucht es Investitionen in Futterplätze und die Produktion von Futtermitteln. In den nördlichen Weidegebieten gibt es zudem viele invasive Pflanzen. Vielleicht können auch diese genutzt werden, um Tierfutter herzustellen und so eine zusätzliche Ressource zu schaffen.
Wo sehen Sie die Zukunft der Hirtenvölker in zehn Jahren? Wird es aufgrund des Klimawandels schlimmer werden? Oder sehen Sie Schritte zur Anpassung und Veränderung?
Ich glaube, dass der Klimawandel real ist. Aber für mich ist er nicht der einzige Faktor, der das Leben der Pastoralist*innen gefährdet. Ich würde sagen, dass andere Faktoren eine größere Rolle spielen, zum Beispiel Landrechte. Die verfügbaren Flächen werden jeden Tag kleiner. In diesen Gebieten entstehen immer mehr neue Formen der Landnutzung, zum Beispiel Naturschutzgebiete oder Anlagen für erneuerbare Energien. Doch in zehn Jahren wird es noch immer Pastoralismus geben. Es hat ihn schon immer gegeben. Die Menschen haben immer einen Weg gefunden, sich anzupassen.