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Weidelandschaften bedecken bis zu 54 % der globalen Landoberfläche, und der Pastoralismus zählt zu den ältesten Formen der Landnutzung – dennoch findet er nur selten Beachtung. Nun haben die Vereinten Nationen das Jahr 2026 zum International Year of Rangelands and Pastoralists (IYRP) ausgerufen. Was hat die Organisation zu diesem Schritt bewogen? Und was benötigen pastoralistische Gemeinschaften tatsächlich? Drei Expert*innen geben Einblicke.
Warum wurde das International Year of Rangelands and Pastoralists ausgerufen?
Dr. Huyam Salih: Weltweit richtet sich zunehmend Aufmerksamkeit auf pastoralistische Systeme. Analysen von Treibhausgasemissionen zeigen, dass Pastoralismus zu den ökologisch nachhaltigsten Nutzungsformen gehört. Er ist ressourcenschonend und an natürliche Kreisläufe angepasst. Umso wichtiger ist es, Weiseflächen zu stärken und pastoralistische Gemeinschaften stärker in politische Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Der Erhalt dieser Ökosysteme leistet einen zentralen Beitrag sowohl zur Klimaanpassung als auch zum Klimaschutz. Pastoralist*innen sind dabei weit mehr als Tierhalter*innen – sie sichern essenzielle Ernährungsgrundlagen, insbesondere in Afrika, wo Mangelernährung weiterhin verbreitet ist.
Rund 300 Millionen Menschen sind auf Pastoralismus angewiesen, der etwa 43 % der Fläche des Kontinents umfasst. Nach Jahrzehnten der Vernachlässigung ist es an der Zeit, ihre Stimmen stärker ins Zentrum zu rücken.
Werden die Perspektiven von Pastoralist*innen ausreichend in Entscheidungsprozesse rund um Weidelandschaften einbezogen? Und was erschwert ein nachhaltiges Weidemanagement?
Dr. Salih: Es gibt durchaus Bemühungen, pastoralistische Stimmen sichtbarer zu machen und ihre Rolle als transformative Kraft für Ernähungssicherheit und wirtschaftliche Entwicklung anzuerkennen. Dennoch bleiben die Herausforderungen erheblich. Neben schwer kontrollierbaren Faktoren wie dem Klimawandel nehmen Konflikte zwischen Pastoralist*innen und Bäuer*innen zu. Gleichzeitig sind pastorale Lebensweisen in politischen Rahmenwerken oft unzureichend berücksichtigt. Eine zentrale Herausforderung besteht darin, die unterschiedlichen Sektoren besser zu koordinieren, die für die Nachhaltigkeit und Resilienz von Weidelandschaften entscheidend sind.
Monicah Yator: Die Herausforderungen sind vielfältig. Der Klimawandel führt zu intensiven Regenfällen, gefolgt von langen Dürreperioden, was massive Bodenerosion auslöst. Nutzbare Weideflächen schrumpfen, während der Wettbewerb um Ressourcen zunimmt. Dies begünstigt Konflikte zwischen Gemeinschaften, die durch die Verbreitung von Schusswaffen zusätzlich verschärft werden. Gleichzeitig haben traditionelle Governance-Strukturen an Einfluss verloren. Früher regelten Älteste die Rotationsnutzung von Weideland, heute geschieht das kaum noch. Dadurch wachsen Spannungen zwischen den Generationen. Dieses Wissen geht zunehmend verloren, da jüngere Generationen keinen Zugang mehr zu diesen Praktiken haben.
Wie würden Sie das Leben von Pastoralist*innen beschreiben?
Jacob Lekaitogo: Es ist tief in Identität und Kultur verankert. Pastoralismus ist nicht nur eine Erwerbsform, sondern ein eigenständiges ökonomisches System. Es funktioniert weitgehend unabhängig von externen Inputfaktoren und bildet ein in sich geschlossenes Gefüge. Die Einstiegshürden sind vergleichsweise gering, sodass auch weniger privilegierte Mitglieder einer Gemeinschaft daran teilhaben und erfolgreich sein können.
Pastoralismus ist nicht nur eine Lebensgrundlage, sondern eine Lebensweise mit starker kultureller Bindung. Er prägt das gesamte soziale Gefüge, da Gemeinschaften von klein auf in die Führsorge für Tiere eingebunden werden. Gleichzeitig haben sich einige durch Bildung und Ausbildung neue Wege erschlossen – sie kombinieren Viehhaltung mit Ackerbau. – Monicah Yator
Frau Yator, Sie haben die Konflikte zwischen Bäuer*innen und Pastoralist*innen bereits angesprochen – eine der komplexesten Krisen auf dem Kontinent. In Ihrem Land berichten fast 40 % der Haushalte in pastoral geprägten Regionen, dass ihre Viehwirtschaft direkt von bewaffneten Konflikten betroffen ist. Sehen Sie grundsätzlich Möglichkeiten, diese Konflikte zu lösen?
Yator: Unbedingt. Ein Zusammenleben in gegenseitiger Abhängigkeit ist unverzichtbar. Viehhalter*innen liefern Milch und Fleisch, während Ackerbäuer*innen pflanzliche Nahrungsmittel produzieren. Diese Systeme müssen in ein Gleichgewicht gebracht werden – sie sind eng miteinander verflochten.
Welche Entwicklungen werden pastoralistische Systeme in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich am stärksten verändern – im Positiven wie im Negativen?
Lekaitogo: Wenn die pastoralistische Jugend nicht einbezogen wird, droht das gesamte System zu kollabieren. Regierungen müssen Pastoralismus als tragfähiges System anerkennen – nicht als bloße Ausweichstrategie. Ebenso zentral sind Landrechte und Landzugang. Ohne Land hat der Pastoralismus keine Zukunft.
Dr. Salih: Dem stimme ich zu. Auf kontinentaler Ebene hat die Afrikanische Union bereits 2010 mit dem Policy Framework for Pastoralism in Africa einen wichtigen Schritt getan, indem Pastoralist*innen nicht länger als Problem, sondern als handelnde Akteur*innen verstanden werden. Dieser Perspektivwechsel ist entscheidend und muss weitergeführt werden. Statt fragmentierter Ansätze brauchen wir eine integrierte politische Architektur. Regionale Integration ist dabei zentral, da Pastoralist*innen mobil sind und Grenzen überschreiten. Politische Strategien müssen konsequent in konkrete Maßnahmen übersetzt werden. Wenn wir Pastoralist*innen als Akteur*innen begreifen, stellt sich automatisch die Frage, wie nachhaltige Praktiken, Ressourcenschutz und Klimaanpassung gezielt unterstützt werden können. Dieser Ansatz sollte sich in allen politischen Entscheidungen, Projekten und nationalen Programmen widerspiegeln, die pastorale Systeme betreffen.
Kehren wir zur Initiative der Vereinten Nationen zurück, die in diesem Jahr Weidelandschaften und Pastoralismus in den Fokus rückt. Was erwarten Sie sich davon?
Yator: Für dieses International Year of Rangelands and Pastoralists ist es entscheidend, die junge Generation zu stärken. Kinder und Jugendliche sollten über ihre Rechte aufgeklärt werden und verstehen, welchen Beitrag sie zu globalen Entwicklungsagenden leisten können. Hier liegt ein enormes Potenzial, das bislang bei weitem nicht ausgeschöpft ist. Gleichzeitig braucht es mehr Bewusstsein für die Bedeutung des Pastoralismus – insbesondere auf politischer Ebene. Weidelandschaften werden nach wie vor unterschätzt, vor allem im Vergleich zu Wäldern. In Kenia etwa liegt der Fokus stark auf regenabhängigen Regionen und groß angelegten Aufforstungsprogrammen, während die Wiederherstellung von Weideland häufig vernachlässigt wird. Um Landdegradation wirksam zu begegnen, brauchen wir daher umfassende Bottom-up-Prozesse, die ganze Regionen stärken und die Stimmen pastoralistischer Gemeinschaften in nationale Politiken einbringen.
Was ist notwendig, um diese Dynamik in strukturelle Veränderungen zu überführen?
Dr. Salih: Grenzüberschreitende Mobilität von Pastoralist*innen muss durch regionale Governance-Modelle unterstützt werden. Wir arbeiten an Projekten, die sowohl das Management von Weidelandschaften als auch die Vermarktung pastoralistischer Produkte stärken. Darin liegt eine große Chance, den Wert pastoraler Systeme sichtbar zu machen – nicht nur für die Gemeinschaften selbst, sondern auch für den Privatsektor, der Viehprodukte verarbeitet und vertreibt. Wenn die wirtschaftliche Tragfähigkeit dieses Sektors deutlicher wird, kann das auch Finanzinstitutionen dazu bewegen, spezifische Angebote zu entwickeln. Gleichzeitig müssen bewährte Praktiken zur Klimaanpassung und -minderung stärker verbreitet werden.
Können Sie ein konkretes Beispiel für solche bewährten Praktiken nennen?
Lekaitogo: Pastoralist*innen praktizieren bereits hochentwickelte Formen des Umgangs mit ihrer Umwelt – sie wurden nur lange nicht als solche anerkannt. Gute Praktiken sollten nicht einfach von außen übernommen werden. Westliche Agrarmodelle funktionieren in afrikanischen Kontexten oft nicht. Der Klimawandel zwingt zur Anpassung; einige Nutztierrassen sind inzwischen zu anfällig geworden. Gleichzeitig entstehen neue Strategien. In Laikipia, meiner Herkunftsregion in Zentralkenia, haben viele Pastoralist*innen begonnen, zusätzlich Ackerbau zu betreiben. Die Region ist geprägt von Savannen, Buschland und Schluchten und vereint Naturschutz, kommerzielle Landwirtschaft und traditionelle Viehwirtschaft. Genau hier zeigen sich produktive Lernprozesse: Wenn Dürreperioden den Viehbestand dezimieren, können Haushalte über den Ackerbau weiterhin Einkommen generieren und dieses wieder in die Viehwirtschaft investieren.
Wie blickt die jüngere Generation auf diese Entwicklungen?
Lekaitogo: Für viele junge Menschen stellt die zunehmende Fragmentierung von Land ein großes Problem dar. Individuelle Landtitel führen oft zur Einhegung von Flächen, was die Mobilität einschränkt. Unter solchen Bedingungen wird Pastoralismus zunehmend fragil.
Yator: Aus feministischer Perspektive zeigt sich zudem, dass Frauen oft nicht in gleichem Maße vom Pastoralismus profitieren, da dieser traditionell männlich dominiert ist. Bildung und das Bewusstsein für Frauenrechte sind daher zentral. Es existieren zwar gesetzliche Schutzmechanismen, doch es braucht stärkere Verankerung auf Gemeinschaftsebene, wirtschaftliche Bildung und besseren Zugang zu Kapital, damit Frauen eigene wirtschaftliche Aktivitäten aufbauen können.
Sehen Sie Fortschritte?
Yator: Ja. Ich selbst bin Pastoralistin, und mein Mann unterstützt meine Arbeit. Bildung und das Bewusstsein für meine Rechte haben das möglich gemacht. Dieses Wissen gebe ich an meine Tochter weiter.
Und wie verhält sich Ihre Erfahrung im Vergleich zu anderen Frauen in ähnlichen Kontexten?
Yator: Zunehmend sind Frauen nicht mehr nur stille Beobachterinnen bei Gemeinschaftsversammlungen. Durch lokale Mobilisierung beteiligen sich mehr Frauen an traditionellen Entscheidungsstrukturen wie dem Kokwet oder Gemeinderäten. Bildung ist dabei der entscheidende Faktor: Immer mehr pastoralistische Mädchen bleiben länger in der Schule, was frühe Verheiratung verhindert und ihnen das Wissen vermittelt, dass Rechte keine „Zugeständnisse“ sind, sondern grundlegende Ansprüche.
Und dieses Empowerment hat auch wirtschaftliche Folgen, oder?
Yator: Absolut. Wie Jacob bereits erwähnt hat, wenden sich viele Pastoralist*innen zusätzlich dem Ackerbau zu – und Frauen spielen dabei eine führende Rolle, insbesondere im Bereich der Agroökologie. Durch Saatgutbanken und Hausgärten schaffen sie eigene Einkommensquellen und gewinnen dadurch auch mehr Verhandlungsmacht innerhalb des Haushalts.
Der Klimawandel beeinflusst Weidelandschaften und Pastoralismus schon lange, doch seine Auswirkungen scheinen sich zu verschärfen. Wie würden Sie diese Veränderungen in den letzten Jahren beschreiben?
Dr. Salih: Der Klimawandel greift auf vielen Ebenen ein, und seine Folgen verschärfen sich spürbar. Umso tragischer ist, dass die Herausforderungen, mit denen Pastoralist*innen konfrontiert sind, nicht aus ihrem eigenen Handeln resultieren, sondern aus Umweltveränderungen und politischen Versäumnissen. Dennoch gibt es Lösungsansätze, die stärker verfolgt werden müssen: Dazu gehören die Sicherstellung von Futtermitteln sowie eine bessere Vorbereitung auf Trockenperioden. Frühwarnsysteme müssen ausgebaut werden, damit Pastoralist*innen rechtzeitig wissen, wie viel Futter benötigt wird, bevor eine Dürre einsetzt. Regierungen sollten Datensysteme fördern, die Viehbestände und Bedarfe erfassen und mit Klimavorhersagen verknüpfen. Das ermöglicht vorausschauende Planung, Kooperationen mit privaten Anbietern sowie die gezielte Nutzung von Wasser- und Futterressourcen entlang von Migrationsrouten.
Funktioniert das bereits in der Praxis?
Dr. Salih: In sechs afrikanischen Ländern – Kamerun, Kenia, Nigeria, Somalia, Uganda und Simbabwe – wurden entsprechende Ansätze bereits umgesetzt. Doch sie müssen deutlich ausgeweitet werden. Regionale Koordination ist dabei entscheidend, da Länder Ressourcen wie Futtermittel untereinander austauschen können. Einige Regionen sind besser für die Produktion geeignet und können andere unterstützen. Zudem haben wir Multi-Stakeholder-Plattformen geschaffen, die Banken, Regierungen und pastoralistische Organisationen zusammenbringen. Daraus sind sogenannte „Deal Rooms“ entstanden, die insbesondere junge Menschen und Finanzinstitutionen ansprechen. Entscheidend ist, Pastoralismus auch als wirtschaftliches Modell zu begreifen – nur so lässt sich seine Zukunft langfristig sichern.
Sind junge Menschen offen für solche bewährten Praktiken? Und wie blicken sie in die Zukunft?
Lekaitogo: Junge Pastoralist*innen sind hoffnungsvoll, aber zugleich unsicher. Sie erkennen das Potenzial der Viehwirtschaft, sind jedoch frustriert über mangelnde Unterstützung, geringe Anerkennung und begrenzte Perspektiven.
Negative Stereotype über den Pastoralismus wirken zusätzlich entmutigend. Wenn Märkte schwach sind und Preise unfair, ziehen viele in Erwägung zu migrieren. Fehlen Würde und Anerkennung, wenden sich junge Menschen vom Pastoralismus ab.
Was würde ihnen helfen, dranzubleiben? Institutionelle Unterstützung?
Lekaitogo: Jugendinitiativen fehlt es an Investitionen und Vertrauen. Förderanträge sind oft bürokratisch und schwer zugänglich. Wenn junge Menschen Dokumente vorlegen sollen, die sie gar nicht besitzen, fühlen sie sich aus einem System ausgeschlossen, dem sie eigentlich angehören sollten.
Yator: Pastoralismus ist seit Langem marginalisiert. Wir müssen seinen wirtschaftlichen Wert stärker sichtbar machen und Anpassungsstrategien an den Klimawandel fördern. Versicherungen spielen dabei eine wichtige Rolle – Menschen müssen lernen, ihr Vieh abzusichern. Auch Universitäten sollten mehr Programme zu Pastoralismus und Viehwirtschaft anbieten.
Gibt es zu viel Bürokratie in Förderprogrammen?
Dr. Salih: Ja, Bürokratie ist ein zentrales Problem. Wir haben eine Plattform für junge Menschen im Viehsektor geschaffen und ein zehnjähriges Leitprogramm entwickelt, das durch einen von Gebern initiierten Fonds unterstützt wird, um nachhaltige private Finanzierung zu mobilisieren. Entwicklung kann nicht allein von Gebern abhängen. Dieser Fonds soll Jugendinitiativen stärken und ein förderliches Umfeld für pastorale Wirtschaftsformen schaffen.
Wie heißt diese Initiative?
Dr. Salih: Sie heißt Integrated Regional Livestock Value Chains. Afrikas Bevölkerung wächst stark, und obwohl der Kontinent tierische Produkte exportiert, werden rund 90 % des Konsums importiert. Der Markt ist enorm und wird bis 2050 weiter deutlich wachsen.
Bis 2050 wird sich die Bevölkerung Afrikas verdoppeln…
Dr. Salih: …und die Zukunft der Viehwirtschaft ist vielversprechend. Rund 30 % der Kinder in Afrika leiden an Proteinmangel. Das Potenzial ist enorm. Das Programm soll innovative pastorale Märkte fördern, insbesondere für junge Menschen, und gleichzeitig politische Rahmenbedingungen auf nationaler, regionaler und kontinentaler Ebene stärken.
Welche Investitionen oder Finanzierungsmechanismen sind entscheidend für die Entwicklung pastoralistischer Systeme?
Lekaitogo: Neunzig Prozent des in Kenia konsumierten Fleisches stammen aus ariden und semiariden Regionen. Wir müssen direkt in pastorale Lebensgrundlagen investieren – nicht, um den Pastoralismus zu verändern, sondern um ihn zu stärken. Wenn Mobilität zentral ist, muss Mobilität finanziert werden. Wenn Diversifizierung notwendig ist, muss sie unterstützt werden. Gemeinschaften halten unterschiedliche Tierarten, die an verschiedene Klimazonen angepasst sind – genau das sollte gefördert werden.
Yator: Viehwirtschaft ist das Rückgrat der Trockengebietsökonomien und trägt erheblich zum Bruttoinlandsprodukt bei. Die Wiederherstellung von Weidelandschaften kann Einkommen deutlich steigern.
Lekaitogo: Finanzmittel sollten direkt an Pastoralist*innen gehen, nicht über Zwischeninstanzen. Auch Innovation muss gezielt gefördert werden. Einige junge Menschen nutzen beispielsweise Elefantendung für die Pilzzucht und schaffen so neue Einkommensquellen. Andere entwickeln Methoden zur Fleischkonservierung, sodass es bis zu zwei Jahre haltbar bleibt. Solche Innovationen können junge Menschen anziehen und den Pastoralismus langfristig stärken.
Spiegeln sich solche Entwicklungen auch in anderen Regionen wider?
Dr. Salih: Ja, ähnliche Muster finden sich in Sudan, Somalia, Äthiopien und im Norden Kenias. Innovationen wie Lebensmittelkonservierung existieren vielerorts bereits, müssen aber stärker skaliert werden. Frustration unter jungen Menschen kann auch ein Motor für Innovation sein. Entscheidend ist, kontinentale Politiken, regionale Handelsintegration, Tiergesundheitssysteme und ein klimasensibles Weidemanagement besser aufeinander abzustimmen.
Das ist eine ganze Menge.
Dr. Salih: Es geht nicht nur darum, den Pastoralismus zu erhalten – wir erschließen inklusives Wachstum für ganze Länder und den Kontinent. Die Afrikanische Union verfolgt dabei eine klare Vision: Pastoralist*innen sind keine bloßen Begünstigten, sondern zentrale Akteur*innen.
Was jetzt erforderlich ist, ist eine Verschiebung der Prioritäten. Erstens braucht es einen stärkeren politischen Willen, pastoralistische Systeme ins Zentrum des afrikanischen Agrarsektors zu rücken – verbunden mit einer realistischeren Bewertung ihres Beitrags zum landwirtschaftlichen Bruttoinlandsprodukt.
Zweitens ist eine wirksamere öffentliche Steuerung notwendig, um Weideland zu schützen und wiederherzustellen, pastorale Routen sowie den Zugang zu Wasser zu sichern und zugleich private Investitionen zu ermöglichen. Dazu gehört auch, lokale Wertschöpfung zu stärken, etwa durch die Weiterverarbeitung tierischer Produkte, anstatt primär auf den Export lebender Tiere zu setzen – mit klaren Vorteilen für Beschäftigung, insbesondere für junge Menschen.
Drittens sind verstärkte Investitionen in Forschung erforderlich, um eine belastbare Datengrundlage zu Afrikas Treibhausgasemissionen zu schaffen, einschließlich der Rolle des Pastoralismus in unterschiedlichen Produktionssystemen. Diese Erkenntnisse sollten politische Entscheidungen fundieren, zugleich aber auch Anpassungsstrategien an den Klimawandel unterstützen, die in afrikanischen Kontexten verankert sind und den Wert indigenen Wissens für Klimaschutz und Resilienz anerkennen.
Mit Blick auf das Jahr 2050: Wie könnte ein resilientes, nachhaltiges und inklusives pastoralistisches System aussehen?
Lekaitogo: Ich sehe einen klimaresilienten Pastoralismus, der als moderne und tragfähige Lebensform anerkannt ist. Die Nachfrage nach Fleisch und tierischen Produkten wird hoch bleiben. Gleichzeitig werden junge Pastoralist*innen digital vernetzt sein, und indigenes Wissen wird größere Anerkennung finden.
Yator: Wir werden mehr junge Pastoralist*innen sehen und eine stärkere Integration ihrer Produkte in internationale Märkte, etwa im Nahen Osten und in Europa. Auch der wirtschaftliche Wert von Weidelandschaften wird zunehmend anerkannt werden.