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Ein interview von Anke Schneider (GIZ)
Ende Juni hat die elfte Our Ocean Conference in Mombasa, Kenia, stattgefunden. Vor diesem Hintergrund ziehen der Fischereiökonom Rashid Sumaila und Andreas Schaumayer vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) Bilanz über den Zustand der globalen Fischerei im Jahr 2026. Von der wirtschaftlichen Bedeutung der Kleinfischerei bis hin zu den Datenlücken, die Millionen von Fischer*innen unsichtbar machen: Die beiden Experten diskutieren, was es braucht, damit Fischereipolitik sowohl den Menschen als auch dem Ozean zugutekommt.
Herr Sumaila, mit Blick auf die Diskussionen hier in Mombasa sowie auf die VN-Ozeankonferenz im vergangenen Jahr in Nizza: Wie beurteilen Sie den Stand des nachhaltigen Fischereimanagements heute und in Zukunft?
Rashid Sumaila: Es war ein außerordentlich dynamisches Jahr für den Meeressektor, geprägt von zahlreichen hochrangigen Treffen und bedeutenden Entwicklungen. Besonders hervorzuheben ist das Inkrafttreten des WTO-Fischereisubventionsabkommens sowie die laufenden Verhandlungen über dessen Erweiterung in einem zweiten Teil. Die WTO ist in den vergangenen zwölf Monaten mindestens dreimal zusammengekommen, um dieses sogenannte „Fish 2"-Abkommen voranzubringen.
Viele in unserem Sektor haben den ersten Teil des Abkommens, bekannt als „Fish 1", begrüßt und gleichzeitig seine Grenzen anerkannt. Die drei Kernelemente des Abkommens verbieten Subventionen für Schiffe, die bereits überfischte Bestände befischen, für jene Schiffe, die illegale, nicht gemeldete und unregulierte Fischerei betreiben, sowie für Fischereiaktivitäten in unregulierten Hochseegebieten. Diese Bestimmungen sind jedoch weitgehend reaktiver Natur: Sie greifen erst, nachdem der Schaden eingetreten ist. Dennoch verdient das Erreichen von Fish 1 Anerkennung, da internationale Verhandlungen naturgemäß komplex sind. Was viele von uns für Fish 2 fordern, ist ein vorbeugender Ansatz: ein umfassendes Verbot von Subventionen, die zur Überfischung beitragen könnten. Leider hat Fish 2 noch wenig Fortschritte erzielt. Auf einem weiteren, nicht minder wichtigen Gebiet hat das 30x30-Ziel durch das Inkrafttreten des internationalen Hochseeabkommens Fortschritte erzielt und eine erste Vertragsstaatenkonferenz ist nun geplant. Die Wissenschaft arbeitet weiterhin an der optimalen Platzierung von Meeresschutzgebieten in internationalen Gewässern.
Der neue SOFIA-Bericht (The State of the World Fisheries and Aquaculture 2026), der hier auf der Konferenz veröffentlicht wurde, zeigt bei erster Durchsicht kaum Veränderungen gegenüber der vorherigen Ausgabe. Aus wissenschaftlicher Sicht ist Stabilität selten der natürliche Zustand von Fischbeständen, die sich tendenziell entweder erholen oder zurückgehen. Eine gründlichere Lektüre des vollständigen Berichts wird notwendig sein, bevor man fundierte Schlussfolgerungen ziehen kann.
Herr Schaumayer, was waren die wichtigsten Entwicklungen im vergangenen Jahr und was nehmen Sie aus den Diskussionen hier auf der Konferenz mit?
Andreas Schaumayer: Ich stimme zu: Seit der VN-Ozeankonferenz in Nizza im vergangenen Jahr ist das WTO-Fischereisubventionsabkommen als ein Meilenstein hervorzuheben. Als deutsche Bundesregierung haben wir das Abkommen nicht nur aktiv unterstützt, sondern auch erheblich in die Fischereitransparenzinitiative (Fisheries Transparency Initiative, FiTI) investiert, deren zehnjähriges Jubiläum wir letztes Jahr in Berlin gefeiert haben. Diese Initiative ist ein wichtiger Baustein für die erfolgreiche Umsetzung des WTO-Abkommens, da die Einhaltung des FiTI-Standards eine entscheidende Grundlage für dessen effektive Umsetzung bietet. Wir sind stolz auf unser Engagement für die FiTI und es ist ermutigend, dass die Initiative in den vergangenen Jahren einen wachsenden Zulauf verzeichnet hat. Insgesamt zeigen diese Entwicklungen, dass aus Sicht der Deutschen Entwicklungszusammenarbeit Fortschritte auf beiden Feldern erzielt wurden, in die wir investiert haben: multilaterale Steuerungsprozesse und Transparenz im Fischereibereich.
Sumaila: Die FiTI verdient uneingeschränkte Unterstützung, denn Transparenz ist allgemein anerkannt als Grundpfeiler effektiver Governance. Der offene Zugang zu Informationen stärkt das Vertrauen – sowohl bei Küsten- und indigenen Gemeinschaften als auch bei Marktakteuren. Dieses Vertrauen ist entscheidend, um Mehrwert entlang der gesamten Fischereiwertschöpfungskette zu schaffen. Deutschlands Investition in diese Initiative ist daher sehr zu begrüßen. Die möglichen Auswirkungen auf die gesamte Wertschöpfungskette und auf die Lebensgrundlagen der Gemeinschaften, denen wir uns verpflichtet fühlen, sind erheblich.
Schaumayer: Dies wurde heute Morgen beim FiTI-Sideevent eindrucksvoll veranschaulicht, bei dem die Ministerin aus Ghana über die Herausforderungen berichtete, die beim Einbringen des FiTI-Ratifizierungsgesetzes ins Parlament aufgetreten sind. Ein zentrales Problem war, dass die Diskussionen über die Kleinfischerei nicht immer auf einer soliden Faktenbasis geführt wurden. Dies ist besonders wichtig, da das WTO-Abkommen ausdrücklich Ausnahmeregelungen zugunsten der Kleinfischerei vorsieht. Es ist daher unerlässlich, diese Aspekte des Abkommens klar zu kommunizieren. Die Deutsche Entwicklungszusammenarbeit trägt durch gezielte Maßnahmen und Informationsvermittlung dazu bei und hat damit beispielsweise den Ratifizierungsprozess in Madagaskar maßgeblich unterstützt. Dies ist ein bedeutender Erfolg, nicht nur für die Deutsche Entwicklungszusammenarbeit, sondern auch für jene Regierungen, die bewusste politische Entscheidungen treffen, um die Ziele des Umweltschutzes und der wirtschaftlichen Entwicklung miteinander zu verbinden. Das ist aus unserer Sicht der richtige Weg nach vorne.
Sie haben explizit die Kleinfischerei angesprochen. Angesichts der Befürchtungen, dass Kleinfischer*innen durch die Umsetzung des WTO-Abkommens wesentliche finanzielle Unterstützung verlieren könnten: Was sind die zentralen Herausforderungen bei der Umsetzung von Fish 1 und den laufenden Verhandlungen über Fish 2?
Sumaila: Die Dynamik zwischen Klein- und Großfischerei rückte erstmals in meinen Fokus, als ich ins britische House of Lords eingeladen wurde, um über Subventionen im Kontext der G20-Länder zu sprechen. Bei dieser Gelegenheit stellte der Sprecher des indonesischen Repräsentantenhauses meine Position grundlegend in Frage. Als ich die Belege für schädliche Subventionen vorlegte, machte er deutlich, dass seine Regierung diese weiterhin gewähren werde. Auf meine Nachfrage erklärte er, man wolle die Kleinfischerei und die arme Bevölkerung unterstützen. Meine Antwort war eindeutig:
Wenn das Ziel darin besteht, Armut in Fischereigemeinschaften zu bekämpfen, bin ich ein engagierter Mitstreiter. Subventionen jedoch in Aktivitäten zu lenken, die genau die Ressourcenbasis untergraben, von der diese Gemeinschaften abhängen, ist kein tragfähiger Weg zur Erreichung dieses Ziels.
Dieser Austausch hat mich dazu bewogen, eine eigene Studie zur Verteilung von Subventionen zwischen Klein- und Großfischerei durchzuführen. Die Ergebnisse zeigen, dass etwa 80 Prozent der Fischereisubventionen über Mechanismen wie Treibstoffsubventionen in den Großbetrieb fließen, während nur 20 Prozent der Kleinfischerei zugutekommen.
Um Ihre Frage direkt zu beantworten: Es gibt drei zentrale Aspekte. Der erste betrifft Information und Wissensvermittlung. Die Forschung zeigt klar, dass die Abschaffung schädlicher Großfischereisubventionen der Kleinfischerei indirekt zugutekäme, da sich die Fischbestände erholen und damit mehr Fisch für jene verfügbar würde, die mit geringerer Kapazität fischen. Der zweite Aspekt betrifft die Umverteilung der freiwerdenden Subventionsmittel. Anstatt schädliche Subventionen einfach abzuschaffen und betroffene Gemeinschaften ohne Unterstützung zu lassen, sollten die freiwerdenden Mittel gezielt eingesetzt werden, um diesen Gemeinschaften bei der Anpassung und der Entwicklung nachhaltiger Lebensgrundlagen zu helfen. Drittens geht es darum, Kleinfischereigemeinschaften und ihre Regierungen dabei zu unterstützen, die im Rahmen des Abkommens bereitgestellten Finanzmittel besser zu verstehen und zu nutzen. Die Ministerin aus Ghana ist hierfür ein lobenswertes Beispiel: Sie hat proaktiv ein Team zusammengestellt, das erfolgreich einen entsprechenden Antrag eingereicht hat. Länder bei der Bewältigung solcher Prozesse zu unterstützen ist ein wesentlicher Bestandteil einer wirksamen Umsetzung.
Schaumayer: Um das Ausmaß des Problems zu verdeutlichen: Die 80 Prozent der Subventionen, die in die Großfischerei fließen, belaufen sich auf mehr als 30 Milliarden Euro. Das WTO-Abkommen bietet ein praktisches und gezieltes Instrument, um Überfischung und Biodiversitätsverlust durch Subventionsreformen anzugehen. Es umfasst lediglich sieben Seiten und ist für alle Beteiligten leicht verständlich. Im Vergleich zu anderen Abkommen wie dem erwähnten Hochseeabkommens mit über 50 Seiten ist diese Zugänglichkeit selbst ein bedeutender Vorteil.
Es ist zu erwarten, dass das Abkommen die Großfischerei weltweit reduzieren und mittelfristig neue Chancen für die Kleinfischerei in Entwicklungsländern schaffen wird. Die größte Herausforderung besteht jedoch kurzfristig. Fischbestände erholen sich nicht über Nacht und die Vorteile für Kleinfischer*innen werden sich erst schrittweise mit der Erholung der Bestände zeigen. Die Bewältigung dieses Übergangszeitraums erfordert koordinierte Anstrengungen von Regierungen, Entwicklungspartnern und der Wissenschaft, um aufzuzeigen, wie ein realistischer Zeitplan aussehen könnte: ein Jahr, drei Jahre und fünf bis zehn Jahre voraus. Aus diesem Grund hat das BMZ eine Studie zu den sozioökonomischen Auswirkungen von Fish 1 und Fish 2 auf die Kleinfischerei in Afrika in Auftrag gegeben, mit dem Ziel, die Positionierung afrikanischer Delegationen in den laufenden Verhandlungen zu stärken.
Was empfehlen Sie, um die Perspektiven der Kleinfischer*innen in politischen Verhandlungen und Umsetzungsprozessen besser zu vertreten?
Sumaila: Die Einbindung von lokalen Gemeinschaften ist ein grundlegendes Element und erfordert mehrere Schritte. Fischereigemeinschaften brauchen Zugang zu Information und Bewusstseinsbildung. Sie müssen die politische und kollektive Macht verstehen, die sie besitzen. Die Zivilgesellschaft und lokale NGOs spielen eine wichtige Rolle dabei, Kommunikationskanäle zwischen Gemeinschaften und ihren politischen Vertretern zu etablieren. Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür lieferte gestern die Ministerin aus Ghana, die in einer Veranstaltung, an der ich teilnahm, zwei NGOs ausdrücklich honorierte. Sie erklärte unmissverständlich, dass sie ohne deren Arbeit die erreichten politischen Erfolge nicht hätte erzielen können. Dazu gehörten die Einrichtung des ersten Meeresschutzgebiets in Ghana und die Ausweitung der Inshore Exclusion Zone (der den Kleinfischern vorbehaltene Küstenstreifen) von sechs auf zwölf Seemeilen. Die NGOs waren in beiden Prozessen entscheidend: Sie arbeiteten direkt mit dem Ministerium zusammen und engagierten sich in 22 Fischereigemeinschaften vor Ort. Dieses Engagement auf Gemeindeebene schuf die politische Rückendeckung, die die Ministerin brauchte, um die Vorschläge mit der vollen Unterstützung der Fischereigemeinschaften beim Präsidenten einzubringen. Genau dieses Modell der Interaktion zwischen Entscheidungsträger*innen und der Bevölkerung muss repliziert und ausgeweitet werden.
Schaumayer:
Eine wichtige ergänzende Dimension ist die Notwendigkeit, den wirtschaftlichen Beitrag der Kleinfischerei transparent anzuerkennen und angemessen zu quantifizieren.
Ihr Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt wird aufgrund des hohen Grades an Informalität im Sektor systematisch unterschätzt. Bei internationalen Foren wie der Our Ocean Conference wird die Kleinfischerei meist nur im Hinblick auf ihren Beitrag zur Nahrungsmittelversorgung erwähnt. Ihr weitergehender wirtschaftlicher Beitrag bleibt unzureichend anerkannt. Dies ist ein Bereich, in dem weitere Forschungszusammenarbeit mit akademischen Institutionen erheblich zur Erkenntnis beitragen könnte und wir möchten ermutigen, in diese Richtung weiterzuarbeiten.
Sumaila: Daher war dies ein zentrales Anliegen unserer Forschungsgruppe. Das Sea Around Us-Projekt hat eine grundlegende Lücke in den FAO-Daten identifiziert, die von den Ländern bereitgestellt werden und vorwiegend kommerzielle Fischbestände abdecken. Subsistenzfänge, die von Fischerhaushalten direkt verbraucht werden, werden systematisch nicht erfasst. Diese Lücke zeigt sich besonders deutlich in den pazifischen Inselstaaten: Dort dominiert beispielsweise Thunfisch die offiziellen Fangstatistiken, während die Fische, die die lokale Bevölkerung täglich verzehrt, größtenteils nicht erfasst werden. Als Reaktion darauf haben wir eine systematische Erfassung der von Haushalten im Klein- und Informalbetrieb gefangenen Fische initiiert.
Unsere Ergebnisse zeigen, dass der tatsächliche weltweite Fischfang etwa 50 Prozent höher liegt als die offiziellen FAO-Angaben und dass dieses zusätzliche Volumen überwiegend der Kleinfischerei zuzuschreiben ist.
In monetärer Hinsicht wird der Beitrag der Kleinfischerei zum Bruttoinlandsprodukt erheblich bedeutender als aktuelle Schätzungen vermuten lassen. Dies bestätigt genau den von Ihnen angesprochenen Punkt und bietet die Möglichkeit, mit einzelnen Ländern länderspezifische Fallstudien zu entwickeln, die Regierungen verdeutlichen, in welchem Ausmaß sie ihre Kleinfischereibereiche unterschätzen.
Schaumayer: Wenn ich mich richtig erinnere, ergab Ihre Studie einen Spitzenwert von etwa 130 Millionen Tonnen globalem Fischfang statt der offiziellen Zahl von fast 90 Millionen Tonnen.
Sumaila: Das ist korrekt. Das zusätzliche Volumen beläuft sich auf etwa 40 bis 50 Millionen Tonnen über den offiziellen Zahlen. In bestimmten Entwicklungsländern bleiben mehr als 50 bis 60 Prozent des tatsächlichen Fangs unerfasst. Das Sea Around Us-Projekt hat diese Lücke umfassend dokumentiert und sich dabei gelegentlich in Widerspruch zur FAO begeben.
Schaumayer: Dies schließt in gewisser Weise den Kreis und verdeutlicht genau, warum Fischereitransparenz durch Initiativen wie FiTI so wichtig ist. In Mauretanien beispielsweise ist es nun möglich, mit erheblicher Präzision zu berechnen, wie viel gefangen wurde und wo.
Eine weitere Entscheidung, vor der fischereireiche Entwicklungsländer stehen, ist die Frage, ob sie ausländischen Flotten Zugang zu ihren Fischereigebieten gewähren oder ihre eigene heimische Fischereikapazität aufbauen sollen. Wie sollte diese Entscheidung aus wirtschaftlicher Sicht angegangen werden?
Sumaila: Das ist eine interessante Frage und ich halte sie nicht für eine Entweder-oder-Entscheidung. Der geeignete Ansatz variiert erheblich je nach Entwicklungsstand und vorhandener Kapazität des jeweiligen Landes. Länder, die bereits über die institutionellen und technischen Kapazitäten verfügen, ihre Fischerei effektiv zu verwalten, sollten dabei unterstützt werden. Länder, denen diese Kapazitäten derzeit fehlen, müssen möglicherweise kurzfristig ausländischen Flotten Zugang gewähren. Dies sollte jedoch keine unbefristete Regelung sein. Solche Länder sollten klare Pläne entwickeln, um ihre eigenen Kapazitäten im Laufe der Zeit auszubauen. Partnerländer mit fortgeschritteneren Fischereisektoren tragen ihrerseits die Verantwortung, diesen Übergang so zu gestalten, dass er echten gegenseitigen Nutzen schafft, anstatt Ressourcen lediglich für den Eigenverbrauch zu extrahieren. Das übergeordnete Prinzip besteht nicht darin, zwischen zwei Alternativen zu wählen, sondern einem strukturierten Entwicklungsprozess zu folgen: die Bedingungen und die Zeit zu schaffen, damit Länder das Wissen und die institutionellen Rahmenbedingungen entwickeln können, um ihre eigenen Ressourcen nachhaltig zu bewirtschaften. Abhängigkeit ist für keine der beteiligten Parteien ein wünschenswertes oder nachhaltiges Ergebnis.
Der SOFIA-Bericht weist erneut auf ein erhebliches Missverhältnis zwischen der Verteilung der Fischereiressourcen und der Verbreitung von Nährstoffmangel weltweit hin. Was sind die zentralen Herausforderungen, um Ernährungssicherheit zu einer Priorität in der Fischereipolitik zu machen?
Schaumayer: Das ist eine vielschichtige Frage. Ein zentrales Ergebnis des letzten SOFIA-Berichts verdient besondere Aufmerksamkeit: Der Pro-Kopf-Fischkonsum muss erheblich gesteigert werden, insbesondere in Afrika. Der aktuelle Durchschnittskonsum auf dem Kontinent liegt bei etwa neun Kilogramm pro Person und Jahr, verglichen mit rund 20 Kilogramm in Ländern wie Deutschland. Aquatische Lebensmittel sind eine unverzichtbare Protein- und Nährstoffquelle. Die grundlegende Herausforderung besteht jedoch darin, dass die Wildfangfischerei mit dem Bevölkerungswachstum nicht Schritt halten kann. Dies treibt den Bedarf an nachhaltiger Aquakultur voran und schafft attraktive Investitionsmöglichkeiten: Allein um den aktuellen Durchschnitt von neun Kilogramm Pro-Kopf-Verbrauch in Afrika in den kommenden Jahren zu halten, muss die Aquakulturproduktion auf dem Kontinent um mehr als 75 Prozent steigen. Dies erfordert erhebliche Investitionen in nachhaltige Aquakulturstandards sowohl im Klein- als auch im Großbetrieb. Mit dem Prosper Blue-Projekt und insbesondere dem neuen Sustainable Western Indian Ocean Programm (SWIOP), das hier auf der Our Ocean Conference gemeinsam mit der Europäischen Union gestartet wurde, unterstützt das BMZ die nachhaltige Entwicklung der Blauen Wirtschaft in Afrika und stellt sicher, dass Investitionen gerecht sind und echte Chancen für lokale Gemeinschaften schaffen.
Hinsichtlich der Frage, wie dies in verbesserte Ernährungsergebnisse für die Bevölkerung umgesetzt werden kann: Ein Ansatz der Deutschen Entwicklungszusammenarbeit sind Schulernährungsprogramme. Wir arbeiten daran, aquatische Lebensmittel aus Kleinaquakultur und Kleinfischerei in diese Programme zu integrieren, da die Schulernährungsprogramme in den meisten unserer Partnerländer das größte soziale Sicherheitsnetz und funktionierende öffentliche Beschaffungssystem darstellen. Dies ist nicht unkompliziert: Schulmahlzeiten müssen für Kinder schmackhaft sein, erschwinglich bleiben und zugleich Lebensmittelsicherheitsstandards erfüllen. Das BMZ geht diese Herausforderungen bereits an, um Schulernährungsprogramme in Afrika und weltweit auszuweiten. Mit dem im Januar gestarteten School Meals Accelerator in Partnerschaft mit der Rockefeller Foundation, Novo Nordisk und dem Welternährungsprogramm verfügen wir nun über die Instrumente, um hochwertige fachliche Beratung zu leisten.
Obwohl sich unsere Diskussion bisher vor allem auf die Kleinfischerei konzentriert hat, spielt die Aquakultur eine zunehmend bedeutende Rolle in der globalen Produktion aquatischer Lebensmittel. Wie beurteilen Sie ihr Potenzial und die damit verbundenen Herausforderungen?
Sumaila: Es gibt Grund zum Optimismus hinsichtlich der Aquakultur, obwohl das aktuelle Bild sehr ungleich ist. China allein macht über 60 Prozent der globalen Aquakulturproduktion aus. Bezieht man die gesamte asiatische Region ein, steigt dieser Anteil auf etwa 90 Prozent. Die verbleibenden 10 Prozent verteilen sich auf den Rest der Welt. Afrika stellt eine besondere Herausforderung dar. Trotz anhaltender Bemühungen, Aquakulturen auf dem Kontinent über viele Jahre zu entwickeln, wurde kein nennenswerter Umfang erreicht. Ägypten und in geringerem Maße Nigeria sind bemerkenswerte Ausnahmen, aber insgesamt waren die Fortschritte begrenzt. Die Produktion konzentriert sich weiterhin auf kleine Familienteiche, ohne dass eine Skalierung in Sicht wäre, die einen wesentlichen Beitrag zur Ernährungssicherheit leisten könnte.
Futterkosten stellen eine strukturelle Barriere dar: In manchen Kontexten machen sie bis zu 70 Prozent der gesamten Produktionskosten aus. Innovation kann hier einen Beitrag leisten, aber die Herausforderungen sind groß. Im Bereich Futtermittel kommt die Problematik von Fischmehl und Fischöl hinzu, das aus kleinen pelagischen Arten wie Sardellen und Sardinen gewonnen wird. China errichtet Fischverarbeitungsanlagen in Ländern wie Mauretanien und Gambia, entnimmt Fisch, der sonst lokal verzehrt würde, und verarbeitet ihn zu Exportfutter. Diese Dynamiken verdienen ernsthafte Aufmerksamkeit in jeder Diskussion darüber, wie Aquakultur so entwickelt werden kann, dass sie der lokalen Bevölkerung zugutekommt.
Schaumayer: Kurzfristig muss die vorrangige Antwort in Investitionen in Brut- und Aufzuchtstationen und lokale Futterproduktionskapazitäten in Afrika bestehen. Die Futterproduktion ist jedoch eng mit handelspolitischen Fragen verknüpft, da kein einzelnes Land eine tragfähige Futterversorgungskette isoliert aufrechterhalten kann. Ein offenerer kontinentaler Markt für Futtermittel und Aquakultur-Inputs ist daher eine Voraussetzung für die Skalierung der Produktion und die Gewährleistung der Versorgungsstabilität. Exportverbote zwischen Ländern verursachen schwerwiegende Störungen: Ein Aquakulturbetrieb kann von einem Tag auf den anderen vollständig unrentabel werden, wenn Futtermittelimporte plötzlich eingeschränkt werden. Regulatorische Vorhersehbarkeit ist daher von entscheidender Bedeutung. Mit Blick auf die längerfristige Perspektive besteht eine grundlegendere Aufgabe: die wahren Kosten des Fischfangs in afrikanischen Gewässern und seiner Verarbeitung im Ausland für den dortigen Verbrauch zu berechnen. Die vollen wirtschaftlichen und ökologischen Kosten dieses Modells wurden bisher nicht angemessen berücksichtigt und dies muss eine längerfristige Priorität sein.
Sumaila: Ich stimme vollständig zu. Die aktuelle Bilanz ergibt keinen Sinn.
Schaumayer: Genau deshalb ist das WTO-Fischereisubventionsabkommen ein so wichtiger Ausgangspunkt. Indem es die Subventionsströme direkt angeht, schafft es die Voraussetzungen, eine Reihe miteinander verbundener Probleme gleichzeitig zu lösen.
Sumaila: Gerechtigkeit ist eines der grundlegenden Probleme. Wir haben bereits festgestellt, dass 80 Prozent der Subventionen in den Großbetrieb fließen. Betrachtet man die Geschlechterdimension, wird diese Ungleichheit noch ausgeprägter. Frauen, die in kleinfischereibezogenen Nachernteaktivitäten tätig sind, beispielsweise beim Sammeln von Muscheln und anderen Meeresfrüchten in Orten wie Sansibar, erhalten praktisch keinerlei finanzielle Unterstützung. Auch junge Menschen können nicht über große Fischereifahrzeuge in den Sektor einsteigen. Die Ungleichheiten verstärken sich daher auf mehreren Ebenen.
Um die allgemeine Absurdität der aktuellen Situation zu veranschaulichen: Wenn man die Fische selbst fragen würde, was sie von einem System halten, in dem die Menschheit von ihrem Reichtum profitiert, aber gleichzeitig öffentliche Mittel einsetzt, um sie zu überfischen und Jungtiere zu dezimieren, wäre die Antwort wohl tiefes Unverständnis über das menschliche Verhalten. Dennoch ist die Menschheit kein einheitlicher Akteur. Innerhalb des größeren Kollektivs gibt es jene, die zu Konferenzen wie dieser kommen und wirklich entschlossen sind, das System zu verändern, und jene außerhalb dieser Räume, deren Handlungen die Probleme, die wir anzugehen versuchen, weiter aufrechterhalten.