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Ein Interview von Jacob Häberli
„Ernährung ist nicht nur Ernährung“ – sie benötigt ein robustes strukturelles Fundament. In diesem Interview skizziert Dr. Sachin Gupte (PATH) die „Architektur der Ernährung“ und beleuchtet das komplexe Zusammenspiel von Klimaresilienz, Governance-Strukturen und wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Auf Grundlage von über dreißig Jahren Erfahrung im Bereich der öffentlichen Gesundheit erklärt er, warum technische Lösungen allein nicht ausreichen und wie politische Entscheidungsträger, der Privatsektor und die Zivilgesellschaft gemeinsam „im Orchester spielen“ müssen, um nachhaltige Wirkung zu erzielen.
Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen und etwas darüber erzählen, woran Sie derzeit arbeiten?
Mein Name ist Dr. Sachin Gupte. Ich arbeite als Senior Advisor bei PATH, einer gemeinnützigen Organisation mit Sitz in Seattle, die seit fast fünfzig Jahren im Bereich der globalen Gesundheit tätig ist. Aktuell ist PATH in rund siebzig Ländern aktiv – über eigene Büros ebenso wie über Partnerschaften und Allianzen.
Ich selbst bin im Länderbüro in Delhi ansässig und seit mehr als sechs Jahren für PATH tätig. Zuvor habe ich vier Jahre lang bei der Gates Foundation gearbeitet, ebenfalls in Delhi. Meine Ausbildung ist medizinisch geprägt: Ich bin Mediziner mit einem Fokus auf Community Medicine und habe einen Master in Public Health an der Universität Edinburgh erworben.
In den vergangenen dreißig Jahren habe ich in unterschiedlichen Feldern der öffentlichen Gesundheit gearbeitet, darunter Arbeits- und Umweltmedizin, Polio-Bekämpfung, Impfprogramme, HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten, Tuberkulose, COVID-19, vektorübertragene Erkrankungen, Mütter-, Neugeborenen- und Kindergesundheit sowie Ernährungssysteme. Während meiner Zeit bei der Gates Foundation lag mein Schwerpunkt vor allem auf der Stärkung staatlicher Ernährungssysteme in Uttar Pradesh und Bihar. Parallel dazu habe ich an Community-Plattformen gearbeitet, um Gesundheits- und Ernährungswissen nachhaltig in Selbsthilfegruppen von Frauen zu verankern.
Bei PATH umfasst meine Arbeit heute unter anderem Reisfortifikation, Ernährung, Krankheitsüberwachung, One Health und antimikrobielle Resistenzen. Dabei arbeite ich häufig in enger Kooperation mit Partnern wie der GIZ und anderen Förderorganisationen.
Vielen Dank. Auf der Grundlage Ihrer langjährigen Erfahrung in unterschiedlichen Bereichen der öffentlichen Gesundheit: Welche Veränderungen in den Ernährungsumgebungen hatten und haben den größten Einfluss auf die alltägliche Ernährung?
Das ist eine sehr wichtige Frage, und ich möchte sie bewusst dynamisch beantworten. Über die Jahre hinweg habe ich miterlebt, wie sich die öffentliche Gesundheit als Disziplin weiterentwickelt hat – und parallel dazu, wie sich Ernährungsmuster verändert haben.
Ein großer Teil dieser Veränderungen hängt mit Verschiebungen der sozioökonomischen Rahmenbedingungen und dem Bildungsniveau zusammen. Blicken wir auf Indien, lassen sich deutliche Fortschritte bei der Armutsbekämpfung und der Sicherung von Lebensgrundlagen erkennen. Wirtschaftliche Zugewinne haben nach und nach breitere Teile der Bevölkerung erreicht, und sobald mehr Geld in die Haushalte fließt, verändern sich zwangsläufig auch die Muster des Lebensmittelkonsums.
Gleichzeitig gibt es weiterhin Bevölkerungsgruppen, die besonders vulnerabel bleiben und deren Ernährungsgewohnheiten stark davon abweichen. Diese Ungleichheiten werden durch verschiedene soziale Sicherungssysteme (Social Safety Net Programs, SSNPs) sowie andere wohlfahrtsstaatliche Maßnahmen adressiert.
Häufig sprechen wir über Beikost und Ernährungsvielfalt, insbesondere im Zusammenhang mit Wachstumsverzögerung (Stunting) und Auszehrung (Wasting). Doch Wissen allein versetzt Familien nicht in die Lage, vielfältige Lebensmittel auf den Tisch zu bringen oder gesunde Ernährungspraktiken zu etablieren – finanzielle Unabhängigkeit ist dabei ein entscheidender Faktor.
Gleichzeitig beobachten wir heute, dass die Zahl der adipösen Kinder weltweit jene der untergewichtigen Kinder überstiegen hat. Das verweist auf einen tiefgreifenden Wandel der Ernährung, häufig hin zu billigen, energiedichten Lebensmitteln mit hohem Zucker- und Fettgehalt. Mangelernährung umfasst damit nicht mehr nur Unterernährung, sondern ebenso Überernährung – und ist zu einem zentralen Bestandteil der dreifachen Belastung durch Fehlernährung geworden, mit der die Welt derzeit konfrontiert ist.
Sie haben bereits Gesundheit jenseits von Ernährung im engeren Sinne angesprochen. Wie nehmen Sie die breiteren Dynamiken der öffentlichen Gesundheit wahr, die Ernährungs- und Gesundheitsergebnisse prägen?
Ernährung ist eng mit Gesundheit im weiteren Sinne verknüpft. Der Klimawandel zum Beispiel ist ein zentraler Faktor, der zunehmend sowohl Ernährungs- als auch Lebensmittelsicherheit beeinflussen wird. Er wirkt sich negativ auf landwirtschaftliche Erträge und deren Nährwert aus. Gleichzeitig sehen wir Folgen für Mikronährstoffmängel wie Anämie und für sich verändernde Krankheitsmuster. Vektorübertragene Krankheiten sind längst nicht mehr an traditionelle Jahreszeiten oder bestimmte Regionen gebunden; ihre Epidemiologie verschiebt sich durch die veränderten klimatischen Bedingungen.
Dies beeinträchtigt Produktivität, Gesundheitssysteme und Ernährungsergebnisse gleichzeitig. Diese Probleme treten nicht isoliert auf, sondern verstärken sich gegenseitig. Aus meiner Perspektive als Fachmann für öffentliche Gesundheit stellt der Klimawandel die größte Herausforderung dar, der wir uns künftig stellen müssen.
Aus Ihrer Perspektive – Sie arbeiten eng mit der Regierungspolitik zusammen, befinden sich aber selbst außerhalb staatlicher Strukturen – wo sehen Sie die größten Lücken zwischen den politischen Rahmenbedingungen und der tatsächlichen Umsetzung vor Ort?
Ich würde dies nicht unbedingt als Lücken oder Mängel bezeichnen, als ob nichts unternommen würde. Wandel ist dynamisch und braucht Zeit. Sicherlich wird viel getan – aber Rom wurde auch nicht über Nacht erbaut. Richtlinien werden entwickelt, Forschungseinrichtungen arbeiten an klimaresistenten Nutzpflanzen, die Dürren oder starke Regenfälle überstehen können.
Entscheidend ist jedoch die Erkenntnis, dass Ernährung und Landwirtschaft multisektoral sind. Ernährung dreht sich nicht nur um Nahrungsmittel allein. Sie erfordert Koordination zwischen Wasser, Sanitärversorgung, Landwirtschaft, Gesundheit und Lebensgrundlagen. Politische Entscheidungsträger müssen unterschiedliche Akteure zusammenbringen, ausreichende Budgets bereitstellen und robuste Governance-Strukturen schaffen, die nachhaltiges, koordiniertes Handeln ermöglichen.
Der Klimawandel muss als gemeinsames globales Problem verstanden werden. Er wird die Gesundheit und Ernährung der Menschen beeinflussen, weshalb ein koordinierter, multisektoraler Ansatz unverzichtbar ist. In diesem Orchester müssen politische Entscheidungsträger, Zivilgesellschaft, akademische Institute und der Privatsektor gemeinsam spielen.
Blicken wir auf das globale Programm zurück, das nun nach zehn Jahren abgeschlossen ist: Vieles hat sich verändert – von der Digitalisierung über den Zugang zu neuen Werkzeugen bis hin zu innovativen Formen der Zusammenarbeit. Aus dieser ganzheitlichen Perspektive: Wo erkennen Sie noch blinde Flecken?
Ich würde diese weniger als blinde Flecken bezeichnen, sondern vielmehr als Chancen, die durch Lernprozesse entstanden sind. Eine der wichtigsten Lehren des letzten Jahrzehnts ist die Bedeutung von Zusammenarbeit und Partnerschaft. COVID-19 hat gezeigt, dass kein einzelner Akteur eine Krise allein bewältigen kann. Regierungen, Forschungseinrichtungen, Pharmaunternehmen und die Zivilgesellschaft spielten alle eine zentrale Rolle – von Diagnostik und Behandlung bis hin zur Impfstoffentwicklung.
Im Rahmen unserer Zusammenarbeit mit der GIZ war PATH an zahlreichen Lernaustauschen beteiligt, darunter der Empfang von Delegationen aus ECOWAS-Ländern, Madagaskar und Sri Lanka in Indien. Ziel war es, zu demonstrieren, wie Indiens Programm zur Reisfortifikation funktioniert – von der politischen Gestaltung und der Harmonisierung von Standards über den Aufbau eines Netzwerks akkreditierter Labore zur Qualitätssicherung, die Stärkung akademischer Institute als Kompetenzzentren bis hin zu Einblicken in die privatwirtschaftliche Produktion angereicherten Reises und dessen Verteilung über staatliche soziale Sicherungsprogramme.
Heute erhalten rund 800 Millionen Menschen in Indien angereicherten Reis durch öffentliche Verteilungssysteme und andere soziale Sicherungsprogramme. Die Herausforderung besteht nun darin, die Erfolgsgeschichte der indischen Reisfortifikation und die Erkenntnisse aus den Austauschbesuchen in andere Regionen der Welt zu tragen – insbesondere nach Afrika, wo viele Länder großes Interesse an einer groß angelegten Nahrungsmittelanreicherung als kosteneffizientes Instrument gegen Mikronährstoffmangel zeigen. Die Chance liegt darin, dies nachhaltig zu skalieren – und dafür ist jetzt der richtige Zeitpunkt.
Stimmt – die Methoden sind vorhanden, die Netzwerke bestehen. Das System könnte erfolgreich arbeiten, wenn es kontinuierlich gepflegt und aufrechterhalten wird.
Genau. Programme und Initiativen sind zwar entscheidend, aber sie müssen durch starke Governance-Strukturen und Rechenschaftsmechanismen gestützt werden. Technische Expertise allein reicht nicht aus. Gestern habe ich beispielsweise die Sorgen von Vertretern afrikanischer Länder gehört: begrenzter Zugang zu hochwertigen Vormischungen (Premixes) und die starke Abhängigkeit von Importen.
Eine vielversprechende Lösung besteht darin, dass Zivilgesellschaft, Geber und technische Organisationen lokale Hersteller dabei unterstützen, diese Kapazitäten im eigenen Land aufzubauen. Das fördert Selbstversorgung, senkt Kosten, stärkt die Nachhaltigkeit und schafft lokale Arbeitsplätze – wovon alle profitieren.
Ich glaube, ich kenne die Antwort auf meine letzte Frage schon, aber um es noch einmal klar zu formulieren: Welche Entwicklungen werden in den kommenden Jahren für den Ernährungssektor am wichtigsten sein?
Mehrere Prioritäten stechen hervor. Erstens: ein sinnvolles Engagement des Privatsektors, unterstützt durch eine starke und förderliche Regierungspolitik. Zweitens: regulatorische Rahmenbedingungen, die gesunde und nahrhafte Produkte fördern, anstatt sie zu benachteiligen. Drittens: nachhaltige Investitionen in Forschung und Daten – Evidenz ist entscheidend, um zu verstehen, was funktioniert und was nicht. Darüber hinaus ist mehr Zusammenarbeit notwendig.
Schließlich werden Technologie und Innovation eine zentrale Rolle spielen, nicht nur zur Informationsgewinnung, sondern auch als Frühwarnsysteme für Landwirte, Planer und Regierungen. Ob Klimarisiken, Bodengesundheit oder Unterbrechungen in Lieferketten – fortschrittliche Informationen ermöglichen frühzeitiges Handeln und gezielte Gegenmaßnahmen. Auch Fortschritte bei Haltbarkeit, längerer Lagerfähigkeit, verbessertem Nährwert und Ertrag werden langfristig eine wichtige Rolle spielen.
Vielen Dank.
Danke für die Gelegenheit, Jacob, und dafür, dass ich meine Gedanken frei teilen durfte.